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Matthias Brenner U30 Weltmeister 2016 im Ultraradmarathon

Wie Matthias Brenner beim Glocknerman über 1000 km und 17000 Höhenmeter zum Weltmeistertitel fuhr (in 46 Std. und 18 min)

(Bericht AZ, Klaus Wenk vom 13.Juni 2016)

Wie kommt ein 27-jähriger Mann nur auf die Idee, ein Non-stopp-Rennen über 1000 km und 17 hm zu bestreiten? Im Juni 2013 begleitet Matthias Brenner mit einem Helferteam seinen Trainingspartner Günter Haas bei dessen Teilnahme am Race Across America, einem der härtesten Ultraradrennen der Welt. Motiviert durch die Erlebnisse und Erfahrungen und angesteckt von der Begeisterung seines Trainingspartners reizte auch ihn immer mehr die Herausforderung, selbst mal auf der Ultralangstrecke zu starten. So entschloss er sich am Glocknerman, einem Langdistanzrennen in Österreich, teilzunehmen. Innerhalb des Zeitlimits von 55 Std. muss dabei eine Strecke von 1000 Kilometer mit 17000 Höhenmetern absolviert werden.

Nachdem die Anmeldung erfolgt war, lag auch schon die erste kleine Etappe vor Matthias: Er musste die Mannschaft für seine Begleitung auf die Beine stellen. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass das Team eine entscheidende Rolle spielt, denn ein Ultraradfahrer braucht nonstop sowohl materielle als auch emotionale Unterstützung, um alle Herausforderungen und Strapazen, die der anspruchsvolle Streckenverlauf mit sich bringt, meistern zu können.

Bereits am Vorabend mussten die Ultralangstreckenfahrer ihre Sprintstärken unter Beweis stellen und sich die 800 Meter lange Strecke mit Steigungen bis zu 16 % hinauf zur Grazer Burg kämpfen, denn die Platzierung bei diesem Prolog entschied über die Startreihenfolge für die Langstrecke. Matthias Brenner sollte sich zurückhalten, um Kräfte zu sparen, bewies aber seine Sprintstärken und fuhr einen der vorderen Plätze heraus. Bei strahlendem Sonnenschein und Startposition vier begann der Adelsrieder das Rennen. Neben ihm am Start in Graz sind 38 Extremsportler, davon auch drei Frauen. Begleitet wird der Radsportler von einem sechsköpfigen Team in zwei Begleitfahrzeugen. Das Pacecar befindet sich während des gesamten Rennverlaufs immer in Reichweite des Fahrers. Während der Nachtstunden ist für die Sicherheit der sogenannte Follow Car Modus vorgeschrieben. Dabei darf sich der Radler nur im Lichtkegel des Autoscheinwerfers befinden. Da das Rennen auf nicht abgesperrten Straßen und im normalen Verkehr stattfindet, darf sich dagegen tagsüber keine Autoschlange von mehr als drei Fahrzeugen hinter den Begleitfahrzeugen bilden, sonst bekommt der Sportler eine Zeitstrafe.

Auf der Strecke lässt es Matthias Brenner laufen und fährt mit den Spitzenfahrern mit. „Die ersten 200 bis 300 Km mit kleineren Pässen machten richtig Spaß und fühlten sich gut an“, so der Radfahrer. Die landschaftlich schöne Kulisse im Rosental mit dem Karawankengebirge zur linken und dem Wörtersee zur rechten Seite kann das Betreuerteam kaum genießen, denn neben der psychologischen Betreuung des Radlers steht an oberster Stelle ausreichende und gleichmäßige Verpflegung.

Auch im zweiten Begleitauto, der rollenden Werkstatt, ist immer für Action gesorgt. Je nach Streckenverlauf wird ein passendes Rad vorbereitet oder Reparaturen vorgenommen. Gerade bei diesen langen Distanzen kommt es auf die gute Wahl des Rades an. So konnte Brenner auf den ebenen Abschnitten und kleineren Abfahrten mit einem speziell für ihn zusammengebauten Ridley-Bike wertvolle Zeit gutmachen.

Die erste durchgefahrene Nacht mit weiteren Pässen wie dem Kartitscher Sattel läuft wie geschmiert. Langsam wird dem Team klar, dass es hier nicht nur ums Ankommen geht. Schließlich geht es auf die Großglockner-Hochalpenstraße, dem Höhepunkt des Rennens. Oben auf der Passhöhe mit 2500 Meter sinken die Temperaturen auf unter 10 Grad, neben der Straße liegt noch meterhoch der Schnee. Scheinbar oben angekommen folgt noch ein Abschnitt mit Kopfsteinpflaster auf die Edelweißspitze, einem Nebengipfel des Großglockners. Die malerische Aussicht kann nur einen kurzen Moment genossen werden, denn es heißt keine Zeit zu verlieren. Schnell eine persönliche Unterschrift für die Anwesenheit auf dem Gipfel leisten, trockene Radklamotten anziehen und weiterfahren.

Leicht ausgekühlt geht es auf die lange Abfahrt auf der anderen Seite des Passes bis zum Umkehrpunkt in Fusch. Der Rückweg, der erneut bis auf Passhöhe führt, ist mental die schwierigste Angelegenheit, da die vielen Kehren und Wenden, die es nun bergauf geht, bereits von der Abfahrt bekannt sind. Matthias Brenner strampelt sich Meter für Meter bei sommerlichen Temperaturen den Pass hoch. Doch auch hier kann kein Konkurrent von hinten aufholen. Im Gegenteil, es tauchen im Online- Tracking- System immer mehr DNF (did not finish) Fahrer auf. Letztendlich werden fast 50 Prozent das Ziel nicht erreichen.

Brenner bleibt auf den vorderen Plätzen, als es auf der Abfahrt der Großglockner Hochalpenstraße zu regnen und später zu hageln beginnt. Er fährt weiter mit hoher Geschwindigkeit und entkommt so dem Unwetter. In der zweiten Nacht sind weitere kleine giftige Anstiege mit je 500 bis 600 Höhenmeter und bis zu 18 Prozent Steigung zu meistern.

Nach einer kurzen Frühstückspause am nächsten Morgen führt die Route ohne weitere Stopps durch die „steierische Toskana“. Nach 900 Kilometern scheint das Ziel schon in greifbare Nähe zu rücken, weshalb Brenner der gefürchtete Soboth-Pass mit seinen 1000 Höhenmeter nichts mehr anhaben kann. Bei der anschließenden Abfahr mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 80 km/h gilt dem Straßenverlauf höchste Konzentration. Dies fällt verständlicherweise nach über 40 Stunden im Sattel mit gerade einmal 20 Minuten Schlaf nicht leicht. Doch an Schlaf ist noch nicht zu denken, denn die Strecke führt weiter durch Weinanbaugebiete zurück in Richtung Graz.

Nach 46 Stunden und 18 Minuten hat Matthias Brenner mit einem Lächeln im Gesicht da Ziel erreicht. Der Teamchef Klaus Wenk und die Betreuer dürfen dem Extremsportler nun zum Weltmeistertitel in der Altersklasse U30 gratulieren. „Ich bedanke mich bei meinem wunderbaren Team und allen Unterstützern an der Strecke sowie den Fans zuhause, die mir über soziale Medien allerlei aufmunternde Worte haben zukommen lassen“, so Brenner.

Nun fragt sich natürlich das gesamte Team, wie es wohl weitergehen wird. Letztes Jahr fuhr Matthias mit Felix das Cape Epic, ein achttägiges Mountainbike-Etappenrennen in Südafrika, dieses Jahr der Glocknerman und nächstes Jahr?

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